Sep 26 2015

Hoffnungslosigkeit macht sich breit

Veröffentlicht von um 13:12 unter Geburt

Irgendwie war da immer noch dieser kleine Funken Hoffnung, dass am Ende alles gut wird. Dass die Hebammen doch noch gerettet werden. Dass es doch noch über den nächsten Sommer hinaus eine Lösung für die Berufshaftpflichtversicherung geben wird. Dass der Spitzenverband der Krankenkassen mit seinen völlig unsinnigen Forderungen nicht durchkommen wird. Dass wir Frauen weiterhin frei entscheiden können, wo und mit wem wir unsere Kinder gebären. Gestern hat die Schiedsstelle nun über die Ausschlusskriterien für Hausgeburten entschieden. Das Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht für uns Frauen und einen gesamten Berufsstand und hat bei vielen die Hoffnung auf die Rettung der Hebammen endgültig zerstört.

Dass der Krankenkassen-Spitzenverband ganz eigene Interessen hat (die wohl niemand so richtig versteht) und diese den Hebammen gegenüber durchsetzen will, ist klar. Auf der anderen Seite die Hebammen, die für ihren Berufsstand und für die Rechte von uns Frauen kämpfen. Beide Seiten können sich nicht einigen, eine Schiedsstelle wird eingeschaltet. Da dachte ich noch, prima, dann ist die Sache doch geritzt. Unvoreingenommene Leute entscheiden nach Faktenlage. Und die Fakten sprechen für die Seite der Hebammen und Frauen. Da kann doch eigentlich nichts schief gehen.

Doch dann… BÄMM. Die Schiedsstelle hat entschieden. Ich lese „Hebammenverband befürchtet Untergang der Hausgeburt„. Und das letzte bisschen Hoffnung stirbt. Ich fühle mich machtlos, wütend, traurig. Ich bin fassungslos. Der weitreichendste und schlimmste Bestandteil der Entscheidung: Wer den ET um 3 Tage überschreitet, soll zukünftig zum Arzt rennen und sich ein OK für die Hausgeburt abholen, damit die Kosten von der Krankenkasse bezahlt werden (irgendwie unsinnig, wo Hausgeburten doch viel günstiger sind). Gut, klingt erstmal gar nicht so schlimm mag man meinen. Kurz zum Arzt und dann passt das schon. Doch in wie weit ist der Arzt wohl haftbar, wenn er sein OK gibt, dann aber doch etwas schief geht (und wie wirkt sich das wohl auf seine Entscheidung aus)? Was, wenn Tag 3 auf ein Wochenende fällt? Muss ich dann ins Krankenhaus und wird sich ein Krankenhaus freiwillig die Einnahmen der Geburt entgehen lassen, indem es sein OK für die Hausgeburt gibt? Warum wird den Hebammen die Kompetenz abgesprochen, diese Entscheidung wie bisher selbst zu treffen und wie wirkt es sich auf die Haftung der Hebamme aus, wenn eine Frau die Geburt aus eigener Tasche zahlt, weil zwar die Hebamme, aber kein Arzt die Hausgeburt befürwortet? Auf welcher Grundlage kann ein Arzt, bei dem ich in der ganzen Schwangerschaft vielleicht kein einziges Mal war, überhaupt ein OK zu einer Hausgeburt geben, wo er doch selbst vermutlich höchst selten bei Geburten zugegen ist und weder mich noch die Hebamme besonders gut kennt? Wie wirkt sich der erzeugte Stress auf Mutter und Kind aus? Was wird nun aus den vielen Frauen, die ihr Kind nicht pünktlich zum ET bekommen? Ich selbst wurde 12 Tage nach ET zu Hause geboren. Meine Tochter 6 Tage nach ET. Ich will nicht dem guten Willen eines Arztes ausgeliefert sein und es sollen auch weder Arzt noch Hebamme ihren Kopf für mich riskieren, nur weil sie mir eine Geburt zu Hause ermöglichen. Wir Frauen dürfen selbst entscheiden, wo wir unsere Kinder bekommen. Das ist gesetzlich verankert. Scheint für die Schiedsstelle aber irgendwie nicht so wichtig gewesen zu sein.

Was bleibt also? Alleingeburt? Beim ET schummeln? Ins Krankenhaus zu gehen löst das Problem jedenfalls nicht. Denn die Entscheidung wird auch ein Signal an die Krankenhäuser sein: „Über ET gehen ist gefährlich“. Bereits jetzt werden dort viele Geburten bei ET+7 eingeleitet. Wer sein Kind zukünftig austragen will, bis es „fertig“ ist, ist in den letzten Tagen dann also auf sich alleine gestellt. Denn selbst wenn man zur Geburt ins Krankenhaus geht, sollte man sich von Ärzten und Krankenhäusern besser fernhalten, solange man noch keine Wehen hat – zu groß ist die Gefahr, dass die Geburt vorschnell eingeleitet wird, wer möchte schon das Risiko tragen, wenn die Frau ihr Kind „überträgt“? Wer unter keinen Umständen zur Geburt ins Krankenhaus möchte (da soll es ja ein paar Frauen geben, mich eingeschlossen, die eine geschützte Atmosphäre und vertraute Menschen, Ruhe und Selbstbestimmtheit der kalten Krankenhausroutine vorziehen), ist zukünftig dann komplett auf sich allein gestellt. Selbst wenn die Hausgeburtshebammen nächsten Sommer gerettet werden, nützt es nur noch den Frauen, die „pünktlich“ gebären. Traurige Aussichten.

Bisher 2 Kommentare

2 Kommentare to “Hoffnungslosigkeit macht sich breit”

  1. Sarah sagt:

    Hallo Anna,

    ich bin fassungslos über diese wahnwitzige Entscheidung. Ich habe meine beiden Kinder zu Hause geboren und bin den begleitenden Hebammen für immer dankbar, dass ich solch sanfte und ruhige Geburten ohne irgendwelche Interventionen erleben durfte. Ich finde es beschämend, wenn Frauen keinerlei Selbstbestimmung mehr haben, wenn es um das oder die wichtigsten Erlebnis(se) in ihrem Leben geht. Alleine der Verlust des kostbaren Wissens der (vor allem Hausgeburts-) Hebammen ist eine Katastrophe!

    Übrigens sind meine beiden Kinder deutlich über Termin zur Welt gekommen.

    Liebe Grüße
    Sarah

  2. Mimi sagt:

    Hallo Anna und hallo an alle, die das hier lesen,

    ich wollte gern mein Geburtserlebnis mit euch teilen, da ich tatsächlich am eigenen Leib erleben durfte, was diese neue Regelung, die einer Schwangeren, die eine Hausgeburt haben möchte, an ET+3 eine ärztliche Untersuchung vorschreibt, in der Realität bedeuten kann.

    Mein ET war der 31.12.15. Ich selbst habe nie wirklich geglaubt, dass mein Kind noch im Jahr 2015 zur Welt kommt. Irgendwie war ich mir sehr sicher, dass der Kleine sich Zeit lassen würde. Als ich dann von der Entscheidung der Schiedsstelle erfuhr, war ich regelrecht panisch! ich war mir 100% sicher, dass das für mich zum Problem werden würde! Allein schon deshalb, weil bei mir der ET+3 ein Sonntag war.
    Meine Hebamme beruhigte mich aber und meinte, dass doch nichts dabei wäre, wenn ich an ET+3 dem Krankenhaus einen Besuch abstatten würde. Ich hätte an dieser Stelle schon auf mein Gefühl hören müssen und alles daran setzen müssen, dass der ET korrigiert wird! Dann wäre mir einiges erspart geblieben…aber welche Erstgebärende ist schon so sicher. Ich war es jedenfalls nicht 🙁

    Am 3.1.16 fuhren mein Freund und ich also ins Krankenhaus. Mir ging es zu dieser Zeit, wie in der gesamten Schwangerschaft, blendend. Ich war super fit und das trotz einer gigantischen Murmel, die immer wieder für „oh-mein-gott-ausrufe“ im Bekanntenkreis sorgte. Ach und natürlich die unvermeidliche Frage „Und du bist dir sicher, dass es nur eins ist?!“.
    Wir warteten ungefähr eine Stunde, von links hörten wir ab und an ein animalisches Brüllen, von rechts kam ein mehr oder weniger entspanntes Tönen. Nichts, was ich so kurz vor der Geburt wirklich hören wollte. Als eine junge Ärztin dann endlich Zeit hatte, sagte ich ihr, bevor sie anfing, hektisch mit dem Ultraschall über meinen Bauch zu wischen, dass ich nicht wissen wollte, wie groß oder schwer mein Kind geschätzt wird. Ich wusste ja auch so, dass es kein zartes Pflänzchen werden würde 🙂
    Frau Doktor wischte also hektisch und rannte dann plötzlich hinaus, anscheinend zu einer Geburt. Wir blieben entspannt und machten noch eine kleine Bauch-Foto-Session. Als sie wiederkam, wischte sie noch eine Runde, mit der Bemerkung, dass es wirklich sehr viel Fruchtwasser wäre. Nix neues für mich, das hatte auch meine Hebamme ertastet. Doch dann wurde es unschön. Die gute Frau Doktor, die mich nun an ET+3 zum ersten Mal sah und mir bescheinigen sollte, dass alles in Ordnung ist, stellte den Befund „Verdacht auf unerkannten Gestationsdiabetes“! Zack! Das wars! Keine Hausgeburt!

    Ich war ziemlich geschockt und fertig, habe geweint und wusste im ersten Moment gar nicht, wie mir geschieht. Zu allem Überfluss hatte die freundliche Dame mir auch noch den Zettel mit dem Befund in die Hand gedrückt. Na und was stand da wohl drauf? Na klar: Gewicht, Größe, Kopfumfang. Herzlichen Dank!
    Wichtig ist vielleicht noch, dass ich bereits einen oGTT machen durfte, da der kleine Zuckertest auffällig gewesen war. Das Ergebnis war negativ gewesen, also kein Schwangerschaftsdiabetes. Meine Hebamme sagt dann auch, dass sich Schwangerschaftsdiabetes schließlich nicht über Nacht entwickelt und ich beschloss, direkt am Montag einen weiteren Test bei meiner Frauenärztin einzufordern. Da ich meiner Hebamme auch geschildert hatte, welchen Eindruck die Ärztin und ihre flüchtige Untersuchung zwischen zwei Geburten auch mich gemacht hatte, schickte sie mich noch einmal ins Krankenhaus. Sie sagte mir, dass bis 13 Uhr dort die sehr fähige Oberärztin Dienst haben würde und wenn auch sie sich gegen eine Hausgeburt aussprechen würde, so müssten wir dies akzeptieren.

    Also wieder ins Krankenhaus. So hatte ich mir die letzten Tage meiner Schwangerschaft nun wirklich nicht vorgestellt. Der Oberärztin, die mich dieses Mal untersuchte, werde ich noch sehr lange sehr dankbar sein! Die erste Frage, die sie mir stellte war, ob es mir gut ginge und ob ich das Gefühl hätte, dass es dem Baby gut geht. Endlich! Endlich fragt mich mal jemand, was ich denke! Und ja; Ich hatte das Gefühl, dass alles in bester Ordnung war! Sie maß die Fruchtwassermenge und erklärte mir, warum die junge Ärztin auf einen beunruhigend hohen Wert gekommen war und warum dieser Wert bei ihrer Messung nun zwar im oberen Normbereich lag, keineswegs aber pathologisch (also krankhaft) war. Sie verabschiedete uns mit dem Bescheid, dass einer Hausgeburt nichts im Wege stehen würde, wenn der erneute große Zuckertest ebenfalls negativ ausfallen würde.
    An dieser Stelle muss ich betonen, dass ich der Ärztin, die mich zuerst untersucht hat, keinen Vorwurf mache! Natürlich war ich sauer! Aber nicht auf sie, sondern auf die Menschen, die mit ihrer blinden und undifferenzierten Entscheidung dafür gesorgt haben, dass plötzlich an ET+3 Ärzte Entscheidungen treffen, die sie nicht treffen können, nicht treffen sollten und nicht treffen dürfen!

    Der Zuckertest viel negativ aus. Wieder Tränen, diesmal vor Erleichterung. Es konnte also endlich losgehen. Nur zur Erinnerung: Hätte die Geburt zwischen der ersten Diagnose und dem Ergebnis des Zuckertestes stattgefunden, so hätte ich ins Krankenhaus gemusst. An ET+7, am 7.1.16, setzten morgens um 3 Uhr die Wehen ein. Mittags kam meine Hebamme vorbei, gegen 18 Uhr kam sie erneut und blieb. Ich war viel am Tanzen und Plantschen (wir hatten einen Geburtspool, geiles Teil!!!) und arbeitete mich langsam vor. So richtig voran ging es aber irgendwann nicht mehr und schließlich war ich es, die entschied, dass ich einen Ortswechsel brauchte. Ich hatte seit 24 Stunden Wehen und hatte zwar noch Kraft, wusste aber irgendwie, dass ich mein Kind nicht zuhause bekommen würde. Die zweite Hebamme kam um „noch einen Blick drauf zu werfen“. Dann fuhren wir, zum dritten Mal, ins Krankenhaus. Der Ortswechsel half und morgens gegen 9 Uhr brachte ich meinen kerngesunden Sohn zur Welt.

    Ich bin unendlich froh, dass ich selbst die Entscheidung treffen durfte, am Ende im Krankenhaus zu entbinden! Und doch wäre das vielleicht nicht notwendig gewesen, wenn nicht in einer vollkommen entspannt verlaufenen Schwangerschaft am Ende ein unfreiwilliger Untersuchungsmarathon gestanden hätte, der dafür sorgte, dass ich eben nicht mit der bisherigen Gelassenheit in die Geburt ging. Dieses Gefühl bestätigte mir meine Hebamme, die mir später noch einmal sagte, dass das Problem war, dass ein Saum stehen geblieben war und dass dies ihrer Erfahrung nach meist mit der Psyche der Mutter zusammen hängt. Sie sagte „Ich glaube, du hattest plötzlich doch Angst davor, ein so großes Kind zuhause zur Welt zu bringen.“ Und ich denke, dass sie damit Recht hatte. Ihr tat es sehr leid, dass ich keine Hausgeburt haben konnte. Für mich war es am Ende gut so wie es war. Ich hielt nach 30 Stunden Wehen mein Kind in den Armen und fühlte mich sehr stark, das allein war wichtig.

    Dennoch bleibt das Gefühl, wie überflüssig all das war! Ich fühlte mich entmündigt und fremdbestimmt, als die Ärztin nach diesem raschen Ultraschall freundlich aber bestimmt zu mir sagte „Unter diesen Umständen raten wir Ihnen von einer Hausgeburt ab.“
    Noch einmal: Ich bedauere zutiefst, dass ein Arzt, der mich an ET+3 kennenlernt, eine solche Aussage und damit Entscheidung treffen darf oder vielmehr muss!

    Ich hoffe, dass meine Erfahrung anderen Frauen Mut macht, für ihr Recht einzustehen, den Ort der Niederkunft frei wählen zu dürfen! Oder zumindest denen die Augen öffnet, die sagen, dass doch nichts dabei ist, wenn man mal an ET+3 zu einer Untersuchung muss.

    Es ist etwas dabei! Es ist das Ende der freien Entscheidung, die mir als Frau und Mutter zusteht!

    Alles Liebe
    Mimi

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