Nov 09 2014

Meine zweite Geburt: Wieder zu Hause, wieder im Wasser – und dieses Mal alleine

Veröffentlicht von um 19:24 unter Geburt

Hätte mir jemand nach der Geburt der Maus gesagt „Das geht noch besser“, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Doch nun muss ich zugeben: Ja, es geht. Ich hatte mir vorgenommen, dieses Mal nicht zu reißen (man braucht schließlich Ziele im Leben…) und mich außerdem mit Hypnobirthing auf eine möglichst schmerzfreie/-arme Geburt vorbereitet und wollte vor allem das große Finale für mich etwas angenehmer gestalten. Auch meinem Freund hatte ich bei dieser Geburt eine etwas andere Rolle zugedacht als meinem damaligen Mann. Doch lest selbst…

Die Geburt wurde wie schon bei der Maus durch den Abgang des Schleimpfropfes eingeleitet. Bereits ab Mittwoch, dem 29.10. ging dieser häppchenweise ab und so langsam bekam ich den Eindruck, ich würde dieses Mal doch nicht übertragen (die Maus kam damals 6 Tage nach ET und ich hatte auch dieses Mal wieder fest damit gerechnet, dass ich über Termin gehe). Den bereits weichen Muttermund konnte ich seit einigen Tagen ertastet, weil er inzwischen tief genug saß (Dank NFP hatte ich hier seit der Geburt der Maus einige Erfahrungen gesammelt). Etwa seit Abgang des Pfropfs hatte ich auch allabendlich periodenartige Schmerzen, allerdings noch durchgehend und nicht in „Wehenform“. Das Köpfchen saß ohnehin bereits seit geraumer Zeit schön tief im Becken. Ein paar letzte schöne Bauchfotos sind am Montag bei einem kleinen Shooting mit meiner Mutter entstanden und für die Geburt war sowieso längst alles vorbereitet – es konnte also losgehen.

Nachdem wir mit dem Geburtstag meines Cousins am 31.10. auch den letzten „offiziellen Termin“ hinter uns gebracht hatten und die Maus in dieser Nacht auswärts bei meiner Mutter schlief, dachte ich mir, nun könnte das Kindchen ja an sich kommen. Das Timing war perfekt – Wochenende, so dass der Papa nicht arbeiten muss, noch eine Woche Herbstferien vor uns, in denen mich meine Familie im Wochenbett unterstützen könnte, und dann auch noch sturmfreie Bude. Andererseits hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mit der Maus viel über die Geburt geredet und am liebsten wäre sie wohl live dabei gewesen. Das passte zwar nicht mit meinem Plan einer nächtlichen Geburt in trauter Zweisamkeit zusammen, aber ich hatte zumindest vor, sie direkt nach der Geburt dazu zu holen.

Und so legte ich mich wie die Abende zuvor mit meinen periodenartigen Schmerzen ins Bett und wartete ab, ob ich nachts mit Wehen wieder aufwachte. Doch nichts passierte – außer dem permanenten Gefühl auszulaufen. Nachts rannte ich unzählige Male aufs Klo und am nächsten Tag ging es so weiter. Wir hatten zufällig pH-Teststreifen zu Hause und ein Test ergab einen pH-Wert von 7 – die Erklärung für meine plötzliche Inkontinenz konnte also durchaus abgehendes Fruchtwasser sein.

Nach einem langen Spaziergang machten wir es uns zu Hause gemütlich. Nachmittags kam die Maus in Begleitung ihrer Oma nach Hause. Diese erzählte mir später, dass bei uns zu diesem Zeitpunkt bereits eine harmonische Geburtsstimmung herrschte, so dass sie überzeugt war, dass in dieser Nacht ihr zweites Enkelkind geboren werden würde. Sie sollte Recht behalten 🙂

Auch ich war überzeugt, dass es in dieser Nacht losgehen würde. Nach den Erfahrungen der Abende zuvor wollte ich jedoch nichts dem Zufall überlassen, vor allem unter dem Aspekt, dass ich möglicherweise schon den ganzen Tag Fruchtwasser verlor und ich weder eine Infektion riskieren wollte, noch Lust auf eine künstliche Einleitung hatte. Nachdem ich die Maus gegen 20 Uhr ins Bett brachte, fing ich an, meine Brustwarzen zu stimulieren. Mein Freund und ich schauten noch den Tatort zu Ende, den wir am Vorabend angefangen hatten, und wechselten uns dabei gemütlich aufs Sofa gekuschelt mit der Stimulation meiner Brustwarzen ab. Direkt im Anschluss gegen 21 Uhr machte er einen weiteren Tatort an, von dem ich allerdings nicht mehr viel mitbekam – ich fing an, mich auf die Hypnobirthing-Wellenatmung zu konzentrieren, denn ich bekam langsam aber sicher deutlich spürbare Wehen*. Diese kamen zwar von Anfang an in geringen Abständen, waren jedoch zunächst noch kurz (ca. 20 Sekunden) und unregelmäßig.

Um 22 Uhr schrieb ich der Hebamme eine SMS, dass der Schleimpfropf ab sei, ich unregelmäßige Wehen hätte und ich mich melden würde, wenn wir sie bräuchten. Aus Angst, die Wehen könnten wieder aufhören, stimulierten wir noch recht lange weiter meine Brustwarzen, bis ich sicher war, dass die Wehen bleiben würden. Nachdem der Tatort vorbei war, bat ich meinen Freund, schon einmal den Pool aufzubauen und zündete selbst in der Zeit die bereitstehenden Kerzen an. Als der Pool endlich aufgeblasen war, hatte ich bereits das dringende Bedürfnis, hineinzusteigen, da ich an Land nicht so recht wusste wohin mit mir. Mein Freund ließ also das Wasser ein und ich stieg gegen 23 Uhr in den Pool. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich voll war, aber mit steigendem Wasserspiegel spürte ich mehr und mehr die wohltuende und entspannende Wirkung, die das Wasser auf mich hatte.

Ich hatte vorher noch überlegt, dass es ja ein witziger Zufall wäre, wenn das Baby am 1.11., also dem Welt-Vegan-Tag geboren werden würde. Ein Blick auf die Uhr sagte mir jedoch, dass dies wohl eher unrealistisch war. Die Geburt hatte ja gerade erst angefangen und ich war mir sicher, noch länger als eine Stunde zu brauchen.

Ich ließ meinen Freund schon einmal das Sofa mit einigen Laken vorbereiten, um nach der Geburt dorthin umziehen zu können. Außerdem musste er mir zwischendurch immer mal die Wehenabstände sowie die Dauer sagen. Die Abstände waren weiter kurz, zudem hatte ich mit rund 40 Sekunden Dauer schöne, kräftige Wehen. Zwischen den Wehen war ich die ganze Zeit komplett entspannt und während der Wehen konnte ich die Wellenatmung sehr gut umsetzen.

Als der Pool voll war, machte mein Freund irgendeine entspannende Klaviermusik an und stieg mit in hinein. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt war es bereits nach Mitternacht. Es tat gut, sich während der Wehenpausen an ihn zu lehnen, auch wenn diese Pausen immer nur sehr kurz waren. Während der Wehen nahm ich die gleiche Position ein wie schon bei der Geburt der Maus: Vornübergebeugt auf den Pool gestützt. Zwischendurch ließ ich fleißig mein Becken kreisen. Mein Freund unterstütze mich toll mit der Hypnobirthing-Entspannungsmassage, erinnerte mich bei Bedarf daran mich zu entspannen und begoss mich mit warmem Wasser. Die Atmosphäre war traumhaft schön.

So wehte ich eine Weile vor mich hin und konnte jede Wehe positiv annehmen und fand sie auch nicht schmerzhaft. Nach einer Weile fing ich an zu tönen. Ich atmete zwar weiterhin ausschließlich durch die Nase, machte jedoch mit geschlossenem Mund genussvoll Mmmmmmmmh, da die Wehen jetzt doch recht intensiv wurden. Irgendwann verließ mein Freund den Pool, da ihm das Wasser auf Dauer zu warm war. Etwa zur gleichen Zeit führte ich eine kleine Diskussion mit mir selbst, ob es mir wohl gelingen würde, die Wehen weiterhin nicht schmerzhaft zu finden, sollten sie nun noch intensiver werden. Ich ermahnte mich selbst, mich zusammenzureißen, schließlich konnte es ja noch eine ganze Weile so weitergehen. Rückblickend betrachtet dürfte das wohl die berühmt-berüchtigte Übergangsphase gewesen sein 😉 Denn siehe da: Intensiver wurde es gar nicht mehr. Stattdessen merkte ich, wie sich nun etwas veränderte. Mein Körper fing mitten in einer Wehe – wie schon bei der Geburt der Maus – an zu schieben. Ich sagte zu meinem Freund, dass ich vermutlich gerade schon die erste Presswehe hatte und uns war beiden klar, dass wir nun wichtigeres zu tun hatten, als die Hebamme anzurufen.

Mein Körper übernahm das Kommando und ich ließ ihn einfach machen. Die Wehen schoben alles aus meinem Körper, was noch im Weg war – gut, dass ein Eimer neben dem Pool bereit stand. Zwischen den Wehen war ich nach wie vor komplett entspannt. Auch währenddessen konnte ich zunächst noch die Geburtsatmung anwenden. Jedoch wurden die Wehen schnell so intensiv, dass ich ohne zu Tönen nicht mehr auskam. Mein Freund erinnerte mich immer wieder an die richtige Atmung und animierte mich, weiter beim Hypnobirthing zu bleiben, und ich versuchte es immer wieder so gut es ging, aber ich war weit davon entfernt, mein Baby einfach herauszuatmen. Stattdessen besann ich mich darauf, möglichst tief zu tönen und mich zwischen den Wehen gut zu entspannen.

Die Geburtswehen kamen im Abstand von gerade einmal 50 Sekunden. Ich spürte im Gegensatz zur ersten Geburt genau, wo sich das Köpfchen befand. Mit einer Hand hielt (und quetschte) ich bei Bedarf die Hand meines Freundes, mit der anderen tastete ich nach dem Köpfchen. Was für ein einmaliger Moment, als ich ihn das erste Mal berührte – wobei es sich in diesem Moment so gar nicht nach Köpfchen anfühlte. Nachdem ich ein wenig den Schleim und die Eihäute entfernt hatte, konnte ich jedoch eindeutig einen haarigen kleinen Kopf ertasten. Dieser rutschte mit jeder Wehe tiefer. Der Dehnungsschmerz brachte mich fast um den Verstand und ich sagte mir die ganze Zeit vor, dass ich weit werden müsse, und feuerte das Baby an („wir schaffen das“) und bat es gleichzeitig, schön langsam zu machen. Ich sagte noch zu meinem Freund „Ich muss da jetzt durch, oder?“ und ergab mich in mein Schicksal. Nach nur wenigen Wehen war das Köpfchen geboren – schneller als ich es erwartet hatte. Ich spürte genau, wie das Baby die nötige Vierteldrehung machte. Dann kam die nächste Wehe, mit der ich den Körper gebar. Wahnsinn! Geschafft!

Während ich die Maus damals unglaublich hell fand, als sie da im Pool auf einmal vor mir schwamm, war dieses Kind viel dunkler. Als es die Augen öffnete, hob ich es aus dem Wasser. Es atmete sofort, war rosig und betrachtete die neue Welt, in die es geboren war. Ich war mir sicher, dass es ein Junge war, schob die Nabelschnur beiseite und wurde bestätigt. Ein Blick auf die Uhr: 1:02 Uhr. Ich fragte meinen Freund nach der genauen Geburtszeit. Er sagte 1:02 Uhr. Ich konnte es kaum glauben, diese ersten Sekunden im Leben unseres Kindes waren mir bereits wie Minuten vorgekommen. Doch er war sich vollkommen sicher: Das Köpfchen kam um 1:01 Uhr, der Körper um 1:02 Uhr.

Verzaubert betrachteten wir unser Kind, das inzwischen angefangen hatte zu schreien. Mein Freund rief die Hebamme an und weckte anschließend die Maus, die ebenfalls hin und weg war von ihrem Brüderchen (auch wenn sie sich während der Schwangerschaft sehnlichst eine Schwester gewünscht hatte). Ich zog auf das vorbereitete Sofa um und wir verbrachten die Zeit, bis die Hebamme eintraf, kuschelnd und beschnupperten uns gegenseitig.

Etwa eine Stunde nach der Geburt kam die Plazenta, nachdem ich nochmal ein wenig die Hüften kreisen ließ. Anschließend nabelten mein Freund und die Maus gemeinsam ab.

Nachdem die Plazenta untersucht war, steckten die Hebamme und mein Freund 5 kleine Plazentastückchen in die 5 bereitliegenden Tablettenhülsen, damit ich jeden Tag ein kleines Stück essen konnte. Leider stellte sich heraus, dass die Hülsen sich auflösten, sobald sie mit der Plazenta in Berührung kamen, so dass ich alle 5 Stücke auf einmal nehmen musste.

Nun war es Zeit zu überprüfen, was aus meinem Nicht-Reißen-Vorsatz geworden war. Ganz geklappt hat es nicht, aber während ich nach der Geburt der Maus genäht werden musste, trug ich diesmal nur eine Schramme und einen kleinen Hautriss davon, die schnell und unkompliziert ohne weitere Behandlung verheilten.

—–

Inzwischen ist der kleine Mann schon eine Woche alt. Er ist komplett entspannt (nur Wickeln und Anziehen gefallen ihm nicht), lässt geduldig die Liebesbekundungen seiner großen Schwester über sich ergehen und schläft ca. 22 Stunden am Tag. Bereits am Mittwoch ergab es sich zufällig, dass wir ihn zum ersten Mal abgehalten haben und erzielten dabei gleich einen Zufallstreffer (wobei das mit dem Zielen bei Jungs nochmal ein ganz anderes Thema ist). Seitdem versuchen wir es regelmäßig und oft erfolgreich beim Wickeln, gestern Abend haben wir sogar zum ersten Mal das große Geschäft abgefangen und eben gerade ein weiteres Mal. So kann es gerne weitergehen – wobei es gar nicht so leicht ist, seine wenigen und kurzen Wachphasen abzupassen. In der halben Stunde, die er dann meistens am Stück wach ist, wird abgehalten, gewickelt, getrunken und abgeknutscht, volles Programm also.

Die Maus ist stolze große Schwester und kann kaum von ihrem kleinen Bruder lassen. Als er sie nach der ersten gemeinsamen Nacht nach nur wenigen Stunden Schlaf mit seinem Weinen weckte, fing sie sofort an ihn zu trösten und zu streicheln. Ähnlich liebevoll ging es seitdem weiter und am liebsten würde sie wohl den ganzen Tag mit dem Zwerg kuscheln – genauso wie wir Großen. Deshalb verabschieden wir uns jetzt erstmal wieder ins Wochenbett…

 

* Ich weiß, dass im Hypnobirthing das Wort Wellen statt Wehen verwendet wird, da der Begriff Wehen oft mit Schmerzen assoziiert wird. Da dieser Begriff für mich jedoch nicht negativ behaftet ist und ich Wehen nicht automatisch mit Schmerzen gleichsetze, verwende ich trotz Hypnobirthing das Wort Wehen.

Bisher 2 Kommentare

2 Kommentare to “Meine zweite Geburt: Wieder zu Hause, wieder im Wasser – und dieses Mal alleine”

  1. Christine sagt:

    Danke für den schönen Geburtsbericht! Ich hatte schon drauf gewartet 😉

    Es ist wirklich wunderbar, dass der „kleine Bruder“ einen so ruhigen, friedlichen Weg auf die Welt hatte und in einer so harmonischen Athmosphäre willkommen geheißen wurde!

    Großen Respekt habe ich vor deiner Kompetenz und deiner positiven und mutigen Haltung, die sich darin zeigen, wie sehr du dich auf die Geburt eingelassen hast.

  2. Dorothee sagt:

    Schööööön :o)

    So ein wundervoller und entspannter Weg ins Leben.
    Du hast das großartig gemacht!

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