Aug 15 2010

„Hausgeburt? Das ist aber mutig“ – Ich kann’s nicht mehr hören!

Veröffentlicht von um 15:18 unter Geburt

„Das ist aber mutig“ ist die Standardreaktion, die mir in 99% der Fälle entgegengebracht wird, wenn ich von meiner geplanten Hausgeburt berichte. Bei vielen Aussagen schwingt darin auch ein leichter Vorwurf mit, die Personen drücken auf nette Weise aus, dass sie eine Hausgeburt nicht nur mutig, sondern eigentlich eher riskant – oder sogar verantwortungslos – finden. Deshalb habe ich oft auch das Gefühl, ich müsste mich für meine Entscheidung rechtfertigen und spreche das Thema von alleine kaum noch an. Ich möchte an dieser Stelle aber festhalten, dass ich ich eine geplante Krankenhausgeburt, wenn sie nicht medizinisch notwenig ist, als viel mutiger ansehe. Gerne verrate ich auch warum. Denn vielleicht liest es ja der ein oder andere Hausgeburtsskeptiker und kann seine Sicht auf den Geburtsort verändern – und reagiert in Zukunft anders, wenn er mit „Hausgeburts-Müttern“ in Kontakt kommt.

Klären wir zunächst, warum sich so viele Frauen für das Krankenhaus als Geburtsort entscheiden. Schon in der Schwangerschaft geht es los: Eine Untersuchung nach der anderen steht an. Viele Frauenärzte bieten noch ein Vorsorge-Extrapack an, das die Frauen selbst bezahlen müssen. Aber wer will schon bei seinem Kind sparen? So begibt man sich die gesamte Schwangerschaft über auf Fehlersuche – dass die Natur ausnahmsweise alles richtig gemacht hat scheint undenkbar. Schwangerschaft = Risiko! Man zittert sich von Untersuchungsergebnis zu Untersuchungsergebnis – dabei haben viele Untersuchungen eine recht hohe Fehlertoleranz. Positive Befunde ziehen weiteres Zittern und Folgeuntersuchungen nach sich, viele negative Befunde bieten aufgrund ihrer Fehlertoleranz keinerlei Garantien. Trotzdem wiegen sich die Schwangeren bei negativen Befunden in falscher Sicherheit – die Medizin hat schließlich bestätigt, dass es dem Kind gut geht. Eine hundertprozentige Sicherheit für ein gesundes Kind gibt es aber nunmal nicht, weder während der Schwangerschaft, noch unter der Geburt oder gar im gesamten späteren Leben. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass eine Untersuchung nur einen Status liefert, aber noch keine Behandlung darstellt.

Bei der Geburt setzt sich dieses seltsame Vorgehen fort: Viele haben vergessen, dass eine Geburt das Natürlichste der Welt ist. Stattdessen scheint in vielen Köpfen nur noch die Gefahr präsent zu sein. Wäre die Geburt standardmäßig tatsächlich so gefährlich, dass sie ein Krankenhaus erfordern würde, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Dennoch ist für viele Menschen eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses undenkbar – und zugleich bedeutet das Krankenhaus für diese Menschen absolute Sicherheit: Mit Ärzten, Medikamenten und technischem Gerät im Haus kann ja nichts schiefgehen.

Gefährlich daran ist, dass vielen Menschen die Fähigkeit verloren geht, bestimmte Vorgänge einfach als Schicksal anzunehmen. Wenn während der Schwangerschaft oder Geburt etwas passiert, ist das für die Betroffenen natürlich immer unendlich traurig. Es ist auch nur menschlich, nach einer Erklärung zu suchen. Aber zumindest meine Erfahrung aus Gesprächen und Diskussionen ist, dass sich viele „Hausgeburtsmütter“ oft realistischer bereits während der Schwangerschaft damit auseinandersetzen, dass ein Kind tot oder behindert zur Welt kommen kann. „Krankenhausmütter“ dagegen verlassen sich auf die medizinischen Möglichkeiten im Hintergrund und die falsche Sicherheit, die diese versprechen – wie schon erwähnt, gibt es nunmal keine hundertprozentige Sicherheit. Natürlich trifft das nicht auf alle Mütter zu, es ist ganz einfach meine Beobachtung und meine persönliche Interpretation. Ich spreche hier auch nur von komplikationsfrei verlaufenden Schwangerschaften. Risikoschwangerschaften müssen unter ganz anderen Gesichtspunkten bewertet werden (wobei die Frage, was überhaupt eine Risikoschwangerschaft ist, wieder ein ganz anderes Thema ist).

Ich denke aber, eine etwas natürlichere Sicht auf Schwangerschaft und Geburt würde uns nicht schaden. Einerseits stellt das Kinderkriegen weder per se ein besonders hohes Risiko dar, noch gibt es andererseits irgendeine Garantie, dass es rundum „fehlerfrei“ verläuft, auch wenn die medizinische Überwachung noch so lückenlos ist. Sicher kann man auf bestimmte Situationen besser reagieren, wenn man Krankheiten, Behinderungen und Komplikationen frühzeitig erkennt und behandelt. Gleichzeitig ist der Preis dafür durch die Dauerüberwachung aber sehr hoch. Hier sollte jeder individuell entscheiden, welche Untersuchungen und Sicherheitsmaßnahmen sinnvoll erscheinen und welche nur unnötige Verunsicherungen mit sich bringen würden.

Die nackten Zahlen

Inwiefern das vorherrschende Vertrauen in die medizinischen Möglichkeiten überhaupt gerechtfertigt ist, kann man sich fragen, wenn man einmal die aktuellen Statistiken bemüht. Eine Untersuchung aus Kanada kommt beispielsweise zu folgendem Ergebnis: Die Säuglingssterblichkeit ist bei geplanten und durch Hebammen begleitete Hausgeburten am niedrigsten. Es folgen geplante Krankenhausgeburten, die von einer Hebamme begleitet wurden. Die höchste Säuglingssterblichkeit hatten ärztlich begleitete Klinikgeburten (die es bei uns aufgrund der Hinzuziehungspflicht nicht gibt – in Deutschland ist ein Arzt aus gutem Grund verpflichtet, eine Hebamme zur Geburt hinzuzuziehen). Und bevor es nun heißt „Im Krankenhaus sind die ganzen Risikogeburten mit in die Statistik eingeflossen“: Verglichen wurden nur Geburten, die für eine Hausgeburt zugelassen worden wären.

Die Untersuchung hat weiterhin festgestellt, dass Mütter bei den Hausgeburten das niedrigste Risiko für medizinische Eingriffe hatten. Und auch die Kinder profitierten: Es sind z.B. nach der Geburt seltener Wiederbelebungsmaßnahmen und die Gabe von Sauerstoff nötig. Natürlich ist dies nur eine einzelne Studie, aber wer ein wenig recherchiert, wird auf viele weitere Untersuchungen stoßen, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen – nicht nur in Kanada.

Der Sicherheitsaspekt, der von vielen als Grund für eine Krankenhausgeburt herangezogen wird, ist bei einer komplikationslosen Schwangerschaft also hinfällig – im Gegenteil, die Statistiken zeigen, dass eine hebammenbegleitete Hausgeburt sogar sicherer ist als eine Krankenhausgeburt. Doch woran liegt das? Wie kann es sein, dass das Krankenhaus trotz der medizinischen Möglichkeiten weniger Sicherheit bietet als die eigenen vier Wände?

Die Geburtsatmosphäre

Welch enormen Einfluss die äußeren Umstände auf den Verlauf der Geburt haben, wird von vielen vergessen. Dabei stellen sie für die meisten Hausgeburtsmütter die Hauptgründe für ihre Wahl des Geburtsortes dar. Viele dieser Mütter sind Mehrgebärende, die in der Krankenhausumgebung teils schreckliche Geburtserlebnisse durchstehen mussten. Was unterscheidet nun die Hausgeburt von der Krankenhausgeburt?

Die Weichen für die Hausgeburt werden oftmals schon Monate vor der eigentlichen Geburt gestellt: Die Mutter macht sich auf die Suche nach einer freiberuflichen Hebamme, die Hausgeburten betreut. Bei der Entscheidung für eine Hebamme steht vor allem im Vordergrund, dass die Chemie zwischen ihr und der Mutter stimmt. Bei der Hebamme ihrer Wahl hat die Mutter von nun an (zum Teil im Wechsel mit dem Frauenarzt) die Vorsorge-Untersuchungen und besucht vielleicht auch einen Geburtsvorbereitungskurs bei ihr. In vielen Gesprächen kommen sich die Frauen näher, die Hebamme erfährt alles über die Wünsche und Vorlieben der Frau in Bezug auf die Geburt. Auch der Partner und eventuell schon vorhandene Kinder haben die Gelegenheit, die Hebamme in aller Ruhe kennenzulernen, Fragen zu klären und Vertrauen aufzubauen. Von Anfang an ist klar: Diese eine Hebamme wird die gesamte Geburt betreuen. Sie kennt die Frau, den Geburtsort und den Schwangerschaftsverlauf und kann sich dadurch hervorragend auf die Situation einstellen.

Ganz anders läuft es bei einer Krankenhausgeburt: Welche Hebamme gerade Schicht hat, ist Glückssache (Beleghebammen einmal ausgenommen), ein Schichtwechsel während der Geburt ist durchaus wahrscheinlich. Die Hebamme ist in der Regel weder im Detail mit dem Schwangerschaftsverlauf noch mit den individuellen Vorstellungen der Frau vertraut. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie parallel weitere Frauen betreut.

Zu Hause richtet sich die Frau das Geburtszimmer nach ihrem persönlichen Geschmack ein. Kerzen, Musik, eine Duftlampe, ein Geburtspool/eine Badewanne, vertraute Bettwäsche, Gerüche und Geräusche, das eigene Badezimmer, eigene Handtücher und Kleidung, eigenes Essen – die Frau befindet sich vor, während und nach der Geburt in ihrer eigenen Umgebung, über die sie selbst bestimmen kann.

Im Krankenhaus dagegen wird sie in einen Kreißsaal gebracht, den sie vorher vielleicht nur einmal besichtigt hat. Die Einrichtung wird in vielen Krankenhäusern zwar mittlerweile auch immer gemütlicher, die Frauen haben auch immer mehr Möglichkeiten, die Atmosphäre z.B. durch Musik individuell zu gestalten – letztendlich bleibt aber immer ein bisschen Krankenhaus-Flair erhalten.

Wenn es losgeht, kann sich die Hausgeburtsmutter entspannt den Wehen hingeben und den Geburtsprozess seinen Lauf nehmen lassen. Wenn sie Unterstützung benötigt, informiert sie die Hebamme, die in der Regel schnell vor Ort ist, um die Mutter durch die Geburt zu begleiten. Es ist kein Ortswechsel nötig und bei einem Fehlalarm fährt die Hebamme ganz einfach wieder nach Hause.

Wer eine Klinikgeburt plant, muss sich bei beginnender Geburt Gedanken machen: Wann fahren wir los? Fährt man zu früh los, wird man möglicherweise wieder nach Hause geschickt oder verbringt stundenlang wartend im Krankenhaus. Fährt man zu spät los, könnte das Kind schon im Auto zur Welt kommen. Zudem sind Autofahrten mit Wehen für viele Frauen nicht gerade angenehm.

Zu Hause kann sich die Frau nun ganz dem Geburtsgeschehen hingeben. Sie bestimmt, welche Positionen sie einnimmt, wer sich im Geburtsraum aufhält, welche Unterstützung sie in Anspruch nimmt und in welchem Tempo die Geburt vorangeht. Die seltenen Untersuchungen finden in der Regel nur nach Zustimmung der Frau statt. Eine Dauerüberwachung ist bei Hausgeburten unüblich. Erfahrene Hebammen erkennen meist „von außen“, ob es Mutter und Kind gut geht und wie die Geburt verläuft.

In vielen Krankenhäusern kann die Frau sich unter der Geburt mittlerweile auch frei bewegen (noch vor einigen Jahren keine Selbstverständlichkeit). Insgesamt wird sie aber in der Regel weniger Einfluss auf ihre Geburtspositionen und ihr Umfeld haben als zu Hause. Sie muss sich ggf. Klinikroutinen beugen und damit rechnen, dass sie bestimmte Interessen vehementer durchsetzen muss als es bei einer Hausgeburt nötig wär – einfach weil sich Mutter und Hebamme vor der Geburt nicht intensiv kennenlernen konnten. Nicht umsonst dient der Partner bei Krankenhausgeburten oft als Puffer und Vermittler zwischen der Gebärenden und dem Klinikpersonal. Seine Aufgabe ist es hier oft, die Interessen der Frau zu vertreten, da diese während der Geburt weder Zeit noch Kraft hat, selbst dafür zu kämpfen oder gar rationale Entscheidungen zu treffen.

Die Hausgeburt findet im Tempo von Mutter und Kind statt. Sie wird nicht durch Medikamente beschleunigt oder verlangsamt. Die Frauen verlangen seltener nach schmerzstillenden Maßnahmen, Dammrisse treten seltener auf. Es gibt keinen Leistungsdruck, keine Hektik, kein grelles Licht, keine unnötig lauten Geräusche. Die Frau kann in aller Ruhe eigenständig gebären. Die Hebamme greift nur ein, wenn sie dafür eine Notwendigkeit erkennt. Da sie die Frau gut kennt, kann sie einen einfühlsamen Weg wählen, um sie beispielsweise zum Positionswechsel zu bewegen. Ihre Eingriffe, Motivation und Hilfe kann sie genau auf die Bedürfnisse der Frau abstimmen: Die beiden sind ein eingespieltes Team, da sie sich seit Monaten kennen. Bei einem Geburtsstillstand oder einer anderen Komplikation, die medizinische Hilfe notwendig macht, wird die Geburt in aller Ruhe und in Absprache mit der Frau ins Krankenhaus verlegt. In den allerwenigsten Fällen muss die Frau mit Blaulicht ins Krankenhaus transportiert werden, die Verlegungen finden in der Regel im eigenen PKW statt. Verlegungen sind aber generell selten, ein Großteil der Hausgeburten findet komplett wie geplant zu Hause statt.

Im Krankenhaus haben viele Frauen nicht das Gefühl, selbst zu gebären, vielmehr werden sie entbunden. Sie können sich nicht gehen lassen, weil ihnen dazu die nötige Privatsphäre fehlt. Es gibt nichts Intimeres als eine Geburt, man muss bereit sein, die Kontrolle komplett abzugeben und nur noch seinen Instinkten zu folgen. Die Fähigkeit dazu kann schon durch kleinste, auf den ersten Blick völlig unscheinbare Gründe (z.B. eine unfreundliche Hebamme, die Hektik des Ortswechsels, die ungemütliche Atmosphäre) verloren gehen. Viele Frauen neigen im Krankenhaus deshalb eher dazu, sich zu verkrampfen. Dadurch wird die Geburt schmerzhafter als nötig, sie dauert länger als nötig und manche Frauen verlieren den Glauben daran, dass sie in der Lage sind, aus eigener Kraft zu gebären – eine Prophezeiung, die sich leider oft selbst bewahrheitet. Leider macht dies meist den Einsatz medizinischer Hilfen notwendig, die unter anderen Umständen vermeidbar gewesen wären. Die Stichworte lauten z.B. Wehentropf, PDA, Saugglocke, Notkaiserschnitt. Natürlich trifft das längst nicht auf alle Geburten zu, aber viele Probleme bei Krankenhausgeburten sind tatsächlich hausgemacht, was auch erklärt, warum im Krankenhaus häufiger medizinische Eingriffe notwendig sind.

Nach der Geburt können sich Eltern und Kind zu Hause in Ruhe kennenlernen. Oft findet dieses erste Treffen bei gedämpftem Licht sowie ohne laute Geräusche und fremde Personen unmittelbar nach der Geburt statt. Die Mutter selbst oder eine vertraute Person ist die erste, die das Kind nach der Geburt berührt. Die Grundlage für das Bonding ist perfekt. Die Nabelschnur darf meist erst auspulsieren, bevor diese letzte Verbindung zur geschützten Zeit im Bauch der Mutter gekappt wird. Die ersten Untersuchungen finden erst statt nachdem Mutter und Kind sich ausreichend kennenlernen konnten. Meist finden auch schon die ersten Stillversuche statt, bei Bedarf mit Unterstützung durch die Hebamme. Weder müssen Mutter und Kind nach einer Weile zur Wöchnerinnenstation wechseln, noch nach einer ambulanten Geburt nach Hause fahren. Sie sind ganz einfach da, wo sie hingehören: Zu Hause, in vertrauter Umgebung. Das Kind ist von Anfang an von Geräuschen umgeben, die es bereits aus dem Mutterleib kennt. Gegen vorhandene Krankheitserreger ist es dank Antikörpern der Mutter bestens gerüstet.

Auch im Krankenhaus legt man mittlerweile viel Wert auf das Bonding, Mutter und Kind dürfen nach der Geburt meist eine ganze Weile gemeinsam im Kreißsaal liegen und sich kennenlernen. Dennoch ist es natürlich zu Hause einfacher, dabei für eine schöne Atmosphäre zu sorgen. Mutter und Kind können sich zu Hause ins eigene Bett kuscheln, während sie im Krankenhaus auf einem fremden Bett liegen, von fremden Menschen umgeben sind, mit fremden Krankheitserregern in Berührung kommen und sich mit dem Krankenhauspersonal über das weitere Vorgehen abstimmen müssen. Der Einfluss auf die Dauer des Kennenlernens, die Beleuchtung im Kreißsaal und die anwesenden Personen ist begrenzt.

Eine Hausgeburt läuft also in der Regel entspannter ab, die werdenden Eltern und insbesondere die Mutter hat einen sehr viel größeren Einfluss auf den Verlauf der Geburt, welche Personen im Geburtsraum zu welchem Zeitpunkt anwesend sind, wie die Atmosphäre vor, während und nach der Geburt ist und unter welchen Umständen die erste Begegnung zwischen Eltern und Kind stattfindet. Die Chance auf eine natürliche, unbeeinflusste Geburt, wie sie von der Natur vorgesehen und am besten für Mutter und Kind ist, ist am höchsten, jeder einzelne Störfaktor kann den Geburtsverlauf dagegen negativ beeinflussen.

Und genau das ist der Grund, warum ich eine geplante Krankenhausgeburt ohne medizinische Notwendigkeit für mutiger als eine geplante Hausgeburt halte: Die Anzahl der Störfaktoren wird unnötig erhöht. Ich hätte das Gefühl, dass ich dafür kämpfen müsste, eigenständig, auf meine Weise und in meinem Tempo zu gebären. Ich hätte das Gefühl, dass ich mich gegen die Krankenhausroutine durchsetzen muss. Und ich habe starke Zweifel, dass ich mich vor fremden Leuten ausreichend fallen lassen könnte, um zu gebären. Ich brauche ganz einfach Privatsphäre, ich bin zu schutzbedürftig und ängstlich, um vor fremden Menschen mein Innerstes nach Außen zu kehren, so wie es eine Geburt verlangt. Wer mich also mutig nennt, weil ich eine Hausgeburt plane, verkennt die Tatsachen 😉

Ich habe durchaus auch Verständnis für Frauen, die sich gerade zu Hause nicht entspannen können – eben weil ihnen Ärzte und medizinisches Gerät im Nebenraum ein Sicherheitsgefühl vermitteln und sie dieses – aus welchen Gründen auch immer – brauchen. Deshalb freue ich mich, dass man als Frau in Deutschland derzeit bei komplikationsfreier Schwangerschaft die Wahl hat, wo man gebären möchte. Ich würde mir aber eine bessere Aufklärung wünschen. Denn ich glaube, wenn im Vorfeld weniger Angst geschürt werden würde, wenn Hausgeburtsmütter nicht von so vielen Ärzten als verantwortungslos dargestellt werden würden, könnten viel mehr Frauen in den Genuss einer Hausgeburt kommen.

Wer sich einmal Geburtsberichte durchliest, wird es übrigens schwer haben, eine Frau zu finden, die von einer schrecklichen Hausgeburt berichtet. Es gibt dagegen unzähliche Berichte über schreckliche Krankenhausgeburten – und ich weigere mich zu glauben, dass das nur daran liegt, dass es so viel mehr Krankenhausgeburten als Hausgeburten gibt 😉 Also liebe Frauen, gebt der Hausgeburt eine Chance, lasst euch von einer Hausgeburtshebamme eure Fragen beantworten, besprecht mit ihr eure Bedenken – und vielleicht stellt ihr fest, dass die Hausgeburt auch für euch eine denkbare Option ist. Zumindest würde ich mich aber über etwas mehr Offenheit gegenüber Hausgeburten freuen. Sie sind weder verantwortungslos noch mutig, sondern einfach nur ein alternativer Weg sein Kind zur Welt zu bringen.

Hier übrigens noch ein Buchtipp: Luxus Privatgeburt

PS Ich möchte nur noch einmal betonen, dass ich von komplikationsfreien Schwangerschaften spreche. Es gibt durchaus Situationen, in denen eine Geburt im Krankenhaus oder eine Verlegung der Hausgeburt aus Sicherheitsgründen angebracht und notwendig ist und in denen wir froh sein können, dass die Medizin heutzutage in vielen Fällen weiterhelfen kann. Ich möchte also auf keinen Fall die medizinische Geburtshilfe verteufeln – nur anmerken, dass sie längst nicht so häufig nötig ist, wie sie aktuell in Anspruch genommen wird!

Bisher 11 Kommentare

11 Kommentare to “„Hausgeburt? Das ist aber mutig“ – Ich kann’s nicht mehr hören!”

  1. anniefee sagt:

    Schöne Übersicht !
    Werde deine Seite verlinken – wo kann ich mehr über deine Person erfahren (Beruf, Alter etc. würden mich zur Background-Beurteilung interessieren) oder verrätst lieber nix ? 😉

    Hausgeburt jedenfalls, ja jeden nicht pathologischen Falls !
    Früher starben Frauen bei Geburt und Wochenbett, ja, aber da waren die Becken rachitisch, die Wohnungen überfüllt und verkeimt.. usw. heutzutage sollten nur noch wenige ins Krankenhaus müssen, finde ich. Z.B. die über 4kg-Omni-Brocken-Kinder =)

    Meine KH-Geburt und Wochenbett dort war zum Abgewöhnen und es war schon die anthrosophische Klinik, die Hausgeburt war .. na, fühlte sich richtig an, ich hatte weniger Beschwerden, das baby auch.

    • Sissi sagt:

      Auch Ommibrocken-4-kg-Kinder kann man wunderbar zu Hause gebären! Auf jeden Fall besser als im Krankenhaus, wo man schnell das „Schnittchen“ gesetzt hätte, weils ja so lange gedauert hätt. So war die Geburt verletzungsfrei und wir konnten gleich kuscheln.

      Abgesehen davon sind die Gewichsschätzungen der Ärzte sowieso so was von ungenau, die Standardabweichung ist über ein halbes Kilo. Daraf würde ich also nichts geben.

  2. Anna sagt:

    Danke, freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt 🙂
    Ich habe mich im ersten Blogeintrag ein wenig vorgestellt: http://www.natuerliches-baby.de/2009/12/01/uber-naturliches-baby/ Mehr verrate ich nicht 😉
    Noch eine Ergänzung: Früher waren die Frauen auch oft unterernährt bzw. hatten einen Nährstoffmangel und im Allgemeinen einen schlechten Gesundheitszustand, was auch zu einer höheren Sterblichkeit beigetragen hat. Und es fehlte eben die Möglichkeit, im Fall der Fälle schnell das nächste Krankenhaus aufzusuchen.
    Naja, ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Geburt und freue mich sehr darauf (während die meisten schwangeren Frauen in meinem Umfeld leider eher mit Angst auf ihren Tag X warten). Noch maximal 3,5 Wochen, aber momentan hoffe ich, dass es schon früher losgeht 🙂

  3. Frauke sagt:

    danke für den schönen Beitrag, mir gehts genauso. nach zwei Geburten außerhalb der Klinik (1x Geburtshaus, 1x zu Hause) finde ich es schlichtweg unvorstellbar, in ein Krankenhaus zu gehen zur Geburt. Besuche bei Wöchnerinnen dort machen mich immer wahnsinnig. Alle werden irgendwie aufgeschnitten, alles lief immer gaaanz dramatisch und schrecklich und die Mütter werden von Kinderkrankenschwestern, Ärzten und Hebammen verrückt gemacht.

    interessant finde ich, dass meine Entscheidung fürs Geburtshaus damals zwar mit Erstaunen aufgenommen wurde, aber bei *weitem* nicht so „erschrocken“ wie die Hausgeburt. Vor allem das Thema „Sicherheit“ wurde bei der Hausgeburt immer wieder angesprochen. Dabei ist die medizinische Versorgung im GH ja genau die gleiche wie daheim. ich glaube, viele Frauen finden den Gedanken an Geburt „eklig“ und „beängstigend“ und denken sich „sowas tut man nicht zu Hause“. *WARUM* nicht? Gehen die Leute für Sex auch ins KKH? Nee, das ist ja was Intimes. Im Gegensatz zu einer Geburt …..

    ein trauriges, aber sehr gutes aktuelles Argument ist übrigens das Risiko, sich im Krankenhaus mit multiresistenten Keimen zu infizieren. Die gibts zu Hause nicht. Lieber ein Staubkorn vom Parkettfussboden im Hals des Babys als MRSA.

    alles Gute für Dich!

  4. fanni sagt:

    die damen (und herren)!
    diesen beitrag zu lesen über die hausgeburt und das system krankenhaus ist wirklich schön. in vielen foren wird aus der thematik ein kriegerisches pro und contra, das meiner ansicht nach leider völlig fehlgeleitet ist.
    ich beschäftige mich gerade im rahmen meiner diplomarbeit damit, welche relevanz der hebammenberuf für die erziehung hat. nach dem neuesten stand der hirnforschung und der zellbiologie und dem grundlegenden theoriegebäude der erziehung (siehe webseite „theorie der erziehung“) muss die empfängnis, die schwangerschaft und die geburt zur erziehung gezählt werden. und insofern ist die geburt nicht nur in hinsicht auf die mutter und das, was immer unter dem stichwort der diskussion um schmerzen läuft, zu beurteilen und für das kind nicht erst der zeitpunkt ab der geburt (stichwort rooming-in, sanfte geburt etc.) als basislegung für eine heile psyche, bindung und beziehung relevant sondern die geburt an sich bedeutsam für alles weitere und somit eben auch für die erziehung. als erzieherisches ereignis wird geburt besonders verantwortungsgeladen für eltern.
    die frage, wo und wie geboren werden soll ist also nicht nur von der mutter her zu denken. das kann man auch so betonen, finde ich. es geht nämlich häufig unter, vielleicht auch, weil es quasi als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass es um das kind geht und angeblich abgedeckt wird durch aussagen wie „die mutter muss sich wohlfühlen“. natürlich muss die mutter sich wohlfühlen, natürlich muss sie ein schmerzmittel bekommen, wenn sie ohne einfach so verkrampft ist, dass ein kaiserschnitt droht. aber es muss, wie du so schön schriebst, aufgeklärt werden, was das schmerzmittel eigentlich für das kind bedeutet.dass ein kaiserschnitt dem kind beispielsweise eine unsicherheit geben kann, die im leben immer wieder auftaucht, ohne dass ersichtlich ist, woher sie kommt. und dass schmerzmittel durch eine gute geburtsbegleitung und betreuung oder unterstützung der gebärenden mutter häufig überflüssig werden.
    hierin liegt doch auch der knackpunkt. die geburt muss so begleitet werden, dass die frau, die werdende mutter (und der vater, denn auch der kann eine bessere bindung zum kind aufbauen, wenn er sich bei der geburt wohl gefühlt hat), sich selbst als selbst wirksam erfahren kann, als diejenige, die das kind zur welt bringt oder lässt oder wie auch immer. meiner auffassung nach ist es im grunde dann egal, wo die geburt stattfindet, solange von allen dafür gesorgt wird, dass die eltern sich als solche erfahren können. leider arbeitet das system krankenhaus eben medizinisch und nicht erzieherisch im punkt geburt. der satz „schwangerschaft ist keine krankheit“ wird zwar ausgesprochen aber nicht aus der richtigen richtung. diese aussage ist eine reaktion, keine aktion. geburt ist natur, geburt kann gut verlaufen aber eben auch schlecht. das ist kein grund dafür, medizinisch durchzudrehen und aus den augen zu verlieren, dass es um den beginn eines menschenlebens geht, dem später ein platz in der gesellschaft zuteil wird, und von dem man später entweder sagen wird, dass dieses kind ja keinen respekt hat, eine macke hat oder eben ein selbstbewusstes, lebensfrohes kind ist. die geburt entscheidet darüber nicht, aber sie legt grundsteine. und zumindest muss man später wissen, dass probleme mit dem kind auch hier herrühren können. dieses wissen kann dann wiederum die erziehungsentscheidungen um einiges vereinfachen!
    das krankenhaus an sich ist nicht übel. die perspektive, die im krankenhaus auf geburten gelegt wird, ist es zur zeit teilweise. zudem (wie in vielen lebensbereichen) wird auch im krankenhaus wirtschaftlich gedacht, weshalb es aus anderer perspektive eben zu wenig personal gibt, einen zu hohen durck, die angst vor anzeigen etc. wer sagt denn, dass die hebammen im krankenhaus dem schichtsystem unterliegen müssen? warum können sie nicht eine geburt durchgehend betreuen? hebammen nach bedarf, statt hin und her springenden hebammen, die ihrer verantwortung nicht gerecht werden können.

    so, hier schließe ich. ich denke, ich habe meinen punkt erstmal verdeutlicht. wenn nicht, dann sagt ihr es mir sicher.
    ich habe übrigens auch zwei töchter. die erste wurde per notkaiserschnitt nach verlegung aus dem geburtshaus in die klinik wegen schlechter herztöne (und gering geöffnetem muttermund – ich bin mir sicher, mich schon bei der taxifahrt ins geburtshaus ordentlich verkrampft zu haben…) geholt. die zweite mit beleghebamme im krankenhaus wundervoll und schnell spontan geboren.
    wichtig ist, was wir daraus machen!

    liebe grüße,
    fanni

  5. Bernadette sagt:

    Hallo Anna!

    Den Spruch “ Das ist aber mutig“ kann ich auch nicht mehr hören. Was noch nerviger ist sind die Verwandten die ständig Werbung für das nächste Krankenhaus machen. „Die haben da jetzt dies und jenes und stell dir mal vor, der Partner kann auch da übernachten wenn man dafür bezahlt (lächerlich -.-),…“
    Und ständig werde ich darauf hingewiesen, dass falls etwas schiefgeht und es zu einem Schaden kommt für mein Baby, ICH alleine Schuld daran trage.

  6. Lena sagt:

    Hallo Anna,

    sehr schöne Seite…
    zwar bin ich nicht schwanger, wir wollen es aber möglichst bald werden:)
    Ich hätte auch gerne eine Hausgeburt, aber ( das mag lächerlich klingen ) wir wohnen in einem Mietshaus mit 2 anderen kinderlosen (!!!) Parteien. Wenn ich bei denen vor der Tür stehe und sage, dass ich irgendwann demnächst mein Kind zu Hause gebären werde… *nicht-gut*
    Ich denke, dass es mir peinlich wäre, wenn die Beiden meine Schreie und mein Gestöhne mitkriegen würden und dass mich das sehr behindern würde.
    Deshalb wird meine Wahl wohl auf ’s GH fallen. Wenn es hoffentlich mal klappt;)

    lg und weiter so!!!
    Lena

  7. Anna sagt:

    Hallo Lena,

    freut mich, dass dir meine Seite gefällt!
    Wir wohnen auch in einem Mietshaus, aber mich hat das nicht groß gestört. Unsere Nachbarn haben nicht mal etwas von der Geburt mitbekommen, obwohl ich mich schon ziemlich laut fand…
    Wenn du einen guten Draht zu den Nachbarn hast, könntest du doch einfach mal vorsichtig nachfragen, ob sie sich davon überhaupt gestört fühlen würden (wir sprechen hier ja nur von einer kurzen lauten Zeit, von der sie vielleicht nicht mal etwas mitbekommen, die immerhin die Geburt eines Kindes darstellt, also das vorerst wichtigste Ereignis in der Beziehung zwischen dir und deinem Kind).
    Wir haben den Nachbarn vorher einfach gar nichts gesagt und dann während der Geburt einen Zettel an die Tür gehängt. Nicht, dass noch jemand ein Verbrechen vermutet und die Polizei ruft 😉 Und wie gesagt, es hat dann nicht mal jemand mitbekommen, die waren alle erstaunt, als sie erfahren haben, dass die Maus zu Hause gekommen ist.
    Also überleg dir das mit dem Geburtsort doch ruhig noch mal. Während der Wehen wirst du sicher nicht darüber nachdenken, ob die Nachbarn dich hören 😉 Und wenn doch, kannst du dann ja vielleicht immer noch ins Geburtshaus fahren? Mich hätte jedenfalls diese Autofahrt komplett aus der Bahn gebracht und ich hätte auch nicht gewusst, wann ich losfahren sollte. Also vielleicht findest du ja eine GH-Hebamme, die auch Hausgeburten macht, so dass du dir alle Möglichkeiten offen lässt.
    Aber nun wünsche ich dir erstmal viel Erfolg beim schwanger werden 🙂

    Liebe Grüße
    Anna

  8. Lena sagt:

    😀
    Danke, ja ich werde es mir noch überlegen, ich hab ja noch 10 +? Monate Zeit dazu:)
    Aber als Veganerin und bekennende „Öko-Tussi“ hat man halt vorher schon mit vielen Sachen zu kämpfen, über die sich andere nicht mal Gedanken machen…. ich sage nur B12….
    Da kommt man ins Hibbeln:)

  9. Anna sagt:

    Oh ja, das kenne ich… Wir sind auch immer die Freaks… Veganer, Öko, Hausgeburt, reine Hebammenvorsorge, kein US, kein Kinderwagen, Familienbett, Windelfrei… Und in Zukunft dann Langzeitstillerin und wer weiß was noch kommt… Aber inzwischen denken wir uns einfach, was solls. Für uns fühlt sich das alles genau richtig an, also sollen die anderen Leute doch denken was sie wollen 🙂

  10. Signe sagt:

    Ich weiss, der Beitrag von anniefee ist schon etwas älter, aber ich komme nicht drum herum eine ihrer Aussagen zu kommentieren. Zitat:“heutzutage sollten nur noch wenige ins Krankenhaus müssen, finde ich. Z.B. die über 4kg-Omni-Brocken-Kinder =)“ Zitat Ende.

    GERADE Frauen die dazu neigen größere Kinder zu bekommen sollten NICHT in eine Klinik gehen. Schwerere oder größere Kinder die nicht die „Norm“ darstellen sind in der Regel immer mit medizinischen Interventionen verbunden. Da wird den Frauen eingeredet man müsse den Wehen „aufgrund des großen Kindes“ mit einem Wehentropf unter die Arme greifen, da wird kristellert was das Zeug hält, Dammschnitte sind schon fast obligatorisch wenn nicht sowieso schon von vorneherein eine Sectio gemacht wird.

    In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht noch wissen, das mehr als 80 % der diagnostizierten „großen“ Kinder sich als „normal“gewichtig herausstellen. Und die mit der Geburt eines großen Kindes verbundenen angeblichen Probleme ( ich sag nur Schulterdyskotie) eigentlich Quatsch sind.

    Deswegen kann ich Frauen die zu großen Kindern neigen eigentlich nur raten sich eine kompetente Hebamme zu suchen und zu Hause zu gebären.

    Auf diesem Wege habe ich 3 Kinder zwischen 4200 und 4600 und zwei Kinder mit einem Geburtsgewicht von mehr als 5000 gr. zu Hause ohne Verletzungen und irgendwelche Probleme geboren.

    Liebe Grüße

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